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ChatVisite von betablogr - Ausgabe #6

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SMARTR.care ChatVisite

6. April · Ausgabe #6 · Im Browser ansehen

Resilient und digital intelligent im Zukunftsmarkt Gesundheit.


Guten Start in die Woche, ...
es scheint absehbar, dass Deutschland die Coronakrise besser meistert, als viele seiner Nachbarn und andere Länder weltweit. Sehr wahrscheinlich wird mit jeder Woche, die derzeit vergeht, klarer, dass wir die Krise verhältnismäßig gut überstehen könnten. Dem Patienten Deutschland geht es den Umständen entsprechend. Die letzte Woche wurde vor allem von der Diskussion über die wirtschaftlichen Folgen der Kontaktsperre bestimmt.

Lassen wir die wirtschaftlichen Abschätzung der Folgen einen Moment zur Seite, treten vor allem die Umstände zu Tage, die wir uns in der Vergangenheit leisteten. Einerseits gönnt sich Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern deutlich mehr Krankenhausbetten. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland in den letzten Jahr stabil bei rund 8 Betten pro 1.000 Einwohner. In Italien, das besonders hart von der Pandemie getroffen wurde, liegt diese Zahl z.B. bei nur 3 Betten pro 1.000 Einwohner (Link).
OECD-Länder - Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner bis 2018 | Statista
Genügen unsere Versäumnisse als Vorteil?
Natürlich sind die Zusammenhänge viel komplexer. Doch das Indiz scheint stichhaltig. Die Versorgung der Bevölkerung mit stationären Behandlungsplätzen, insbesondere die intensivmedizinische Versorgung, scheint in Deutschland heute vor allem auch deshalb so gut zu sein, weil wir eine häufig als dringend bezeichnete Reform der Krankenhausstruktur gescheut haben.
Offensichtlich genießen wir außerdem - und aufgrund des frühen Auftauchens des Virus in München - einen Zeitvorsprung. So konnten die Kapazitäten noch vor dem Höhepunkt der Epidemie in Deutschland deutlich erhöht werden. Eine Begleiterscheinung ist, dass wir Leerstände dort erzeugen, wo Krankenhäuser vor allem einen ländlichen Versorgungsauftrag sicherstellen.
Wenn wir sagen, Deutschland leistet sich viele Krankenhausbetten, darf nicht negiert werden, dass diese Kapazitäten sich über viele, teils viel zu kleine Standorte verteilen. Das mag aus der Versorgungsperspektive auf einer Landkarte äußerst attraktiv aussehen. Die für dieses dezentrale Muster nötige Finanzierung wird oft auf dem Rücken der Pflegerinnen und Pfleger gewährleistet. Dabei geht es mir weniger um die Höhe der konkreten Gehaltszahlung, sondern um den Pflegeschlüssel, der den Begebenheiten angepasst wird. Kleinere Standorte strahlen oft nicht die Attraktivität aus und rekrutieren ihren Nachwuchs aus der Substanz einer immer älter werdenden Landbevölkerung. Der demographische Faktor tritt also hinzu und verschärft die Situation, Pflegeausbildung in ländlicher gelegenen Standorte sicherzustellen.
Deshalb bin ich sehr gespannt, nicht nur wie die Epidemie für Deutschland ausgeht, sondern welche Diskussionen sich anschließen. Eine Argumentationslinie könnte sein, insgesamt zwar die Anzahl der Betten nicht sehr deutlich zu verkleinern, Medizin und Pflege jedoch an zentraleren Standorten zusammenzubringen. Ein Projekt, das über mindestens zwei Dekaden passieren müsste.
An Zentralstandorten müsste deutlich mehr Pflege ausgebildet werden. Der Beruf muss also überdurchschnittlich attraktiver werden. Andererseits nimmt das Tempo für die Veränderung im Rollenverständnis einer Pflegekraft in der Peripherie zu. Hier ist an eine gestärkte Delegation zu denken, die draußen wichtiger ist, als in pflegerischen Berufen, die näher an der Hochleistungsmedizn agieren. Insofern zu prüfen ist, ob der sich schleppend hinziehende Umbau der Krankenhausstruktur für die Pandemie ein Glücksfall war. Oder wäre uns genau so geholfen gewesen, wenn an zentralen Standorten statistisch gesehen eine ähnliche Situation geherrscht hätte. Also ausreichend medizinische und pflegerische Fachkräfte an wenigen zentralen Standorten?
Im Bayreuther Tageblatt finde ich zur derzeitigen Situation eine eher zynische Überschrift. Ein Kommentar, der sich scharf mit dem Unterschied beschäftigt, ob Pflegefachkräfte nun Helden sind oder einfach nur dumm (Link).
Krankenschwestern und -pfleger sind keine Helden - es sind Idioten: ein Kommentar | Bayreuther Tagblatt
Altenheime sind Isolationsanstalten
Ein zweite Gedanke spukt in meinem Kopf. Und zwar habe ich mich mal mit den kulturellen und strukturellen Fragen im Umgang mit dem älteren Teil unserer Bevölkerung auseinandergesetzt. Zunächst dachte ich, einem volkstümlichen Bias aufzusitzen, wenn ich denke, dass in Italien die älteren Menschen weniger separiert von ihren Familien leben als in Deutschland. Salopp wird ja oft formuliert, den Zustand eines Landes erkenne man daran, wie es mit seinen alten Menschen umgeht. Aus diesem Bonmot erwächst die Kritik, Deutschland habe sich mit der Kultur für Alten- und Pflegeheime dafür entschieden, seine ältere Bevölkerung deutlicher zu separieren. Aus dem Willen, eine bestmögliche Versorgung zu gewährleisten, entstand eine wahre Flut von Altersheimen, die in den letzten Jahren aufgrund von pflegerischen Mangelerscheinung deutlicher in die Kritik kam.
Häusliche Pflege wird zwar durch die Einführung der Pflegeversicherung weiterhin gestützt, gilt in Deutschland aber früher als in anderen Ländern als ausgereizt. Ich stelle mir also vor, dass ältere Italienerinnen und Italiener weniger separiert von ihren Familien leben. Natürlich gibt es auch dort Altenheime und wie bei uns auch viele allein lebende. ältere Menschen. So schildert ein Bericht auf t-online.de (siehe unten), schaurige Hinweise aus Spanien, Frankreich und auch Italien.
In Deutschland gibt es über 3 Mio. Pflegebedürftige, die vor allem in entsprechenden Heimen untergebraucht sind. Folgt man den offiziellen Statistiken für Deutschland, sterben wie zu erwarten war vor allem ältere, multimorbide Menschen an den Folgen einer Infektion. Jedoch sehr wenige im Vergleich zu europäischen Nachbarn. Die gute Isolation der älteren Bevölkerung in Deutschland scheint mit ein Grund für die geringere Sterblichkeit.
Natürlich differieren hier auch immer die Anzahl durchgeführter Tests mit laborbestätigten Zahl der Todesfälle. Für Deutschland könnte sich derzeit die höhere Quote der Älteren in Alten- und Pflegeheime auszahlen. Andererseits entwickeln sich diese Anstalten zu Zeitbomben mit Blick auf den Höhepunkt der Epidemie. Oft sterben in Heimen gleich mehrere Duzend Menschen auf einmal, wenn das das Virus zuschlägt.
Angst vor Altenheimen als Corona-"Zeitbomben" grassiert
Andere Gründe, warum es für uns gut läuft
Die New York Times hat sich Gedanken noch zu anderen Gründen gemacht, warum es gerade in Deutschland verhältnismäßig gut läuft. Auch dort kommt man zu dem Ergebnis, dass Deutschland früh und viel testete. Aber auch das Management beim Nachvollziehen der Kontaktketten war und ist vorbildlich. So hat das RKI über 10.000 Bewerbungen auf die Rolle solcher Scouts erhalten, die sich um die Nachverfolgung von Kontaktketten kümmern.
Gleichzeitig ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung und die formulierten Maßnahmen deutlich höher als anderswo auf der Welt. Persönlich konnte ich das an der Absagewelle für meine Termine in 2020 nachvollziehen. Nachdem Angela Merkel ihre offizielle Ansprache vor Deutschlandfahne und Reichstag im Sonnenuntergang vorgetragen hatte, purzelten die Absagen nur so in mein Postfach. Als die Regierungschefin Farbe bekannte, brach der Damm und der Moment der Einsicht war am Größten.
A German Exception? Why the Country’s Coronavirus Death Rate Is Low - The New York Times
Die nächste Chatvisite erscheint voraussichtlich am 08.04.2020. Ich freue mich über Empfehlungen über die sozialen Netzwerke, so dass wir hier bald noch mehr Diskutanten zusammenbringen.
Was ist Ihre/Eure Meinung, warum Deutschland so gut dasteht?
Mich interessieren Eure Theorien. Erlebnisse und Erfahrungen, auch Mutmaßungen und Überlegungen. Warum gelingt es Deutschland (derzeit) sehr offensichtlich, die Epidemie zu zähmen? Oder ist das eine falsche Annahme? Kommt der Tiefschlag erst noch?
Schreibt mir gern an frank@betablogr.de oder nutzt mein Zeitgeschenk. Ich freue mich auf den Austausch, …
Herzliche Grüße, … Frank Stratmann
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